Rudolf Maresch schreibt in der Suhrkamp Essaysammlung Renaissance der Utopie: Zukunftsfiguren des 21. Jahrhundert (Link Amazon), dass die Speerspitze des gesellschaftlichen Fortschritts und der soziokulturellen Evolution in jüngster Zeit nicht mehr von Schriftstellern, Komponisten und Malern getragen wird, sondern von Technowissenschaftlern: Programmierer, Softwaredesigner und Ingenieure verkörpern heute jenes Denken, das aus der Bahn springt. Utopien und Visionen der Neuzeit werden von anderen Akteuren geschmiedet als dies noch vor wenigen Dekaden der Fall war.
Die New Yorker Conference 2007, die vor etwa einem Jahr unter dem Titel “2012: Stories from the near Future” abgehalten wurde, bestätigt diesen Eindruck. Gaming: 2012, The Web: 2012 und Mobile Technology: 2012 so einige der klingenden Namen der abrufbaren Videos. Auch die anderen Beiträge können nicht umher, demTechnologisierungsgrad den unsere Umwelt mittlerweile erreicht hat Tribut zu zollen. Kollaboratives Handeln und computervermittelte Kommunikation sind hierbei Stichworte – auch bei Themen die eigentlich nicht unmittelbar mit Technik in Verbindung gebracht werden.
Lambert Wiesing unterscheidet in seinem Buch Artifizielle Präsenz (Link Amazon) vier Bildkategorien: Das starre Bildobjekt (Malerei, Fotografie), das Bildobjekt des Films (bewegt aber linear), das frei manipulierbare Bildobjekt der Animation und das interaktive Bild der Simulation. Diese Gliederung ist mit dem Gedanken verbunden, dass das eigentlich Neue an den neuen Medien die Interaktion, die Manipulierbarkeit des Bildes ist. In den virtuellen Realitäten geht es nicht mehr um Verweise, Referenzen und Bezugnahmen, sondern um die Herstellung einer kuriosen Art von Gegenständen – einer neuen Art von Gegenständen. Die artifiziellen Inhalte digitaler Computerinterfaces bekommen ihr eigenes Wesen, ihre eigene Physik und werden auf diesem Wege selbst zu eigenständigen Artifakten, die in ihrer Beschaffenheit über das bloße Abbild hinausreichen.
Welche Bedeutung dies in der Praxis haben kann, zeigt meiner Meinung nach dieses Video in dem Spore Erfinder Will Wright sein Gaming-Konzept vorstellt ganz gut. Es lohnt sich außerdem etwas Geduld zu haben und das Video zur Gänze anzusehen, da gerade auch in der Abschlussdiskussion einige der oben angesprochenen Aspekte auftauchen.
Lustiges Detail zuletzt: Wright verspricht am Ende des Clips, dass Spore noch Ende des Jahre (also Ende 2007) in den Läden stehen wird. Das aktuelle Erscheinungsdatum (Stand Mai 2008) wird derzeit mit September 2008 angegeben.